Fastnacht und Museen

Narrenschopf in Bad DürrheimFastnacht und Museen - das klingt wie ein Widerspruch. Schließlich sind die bunten Formen schwäbisch-alemannischer Narretei ja eben kein verstaubter Plunder aus der Mottenkiste der Vergangenheit, sondern eine quicklebendige Facette südwestdeutscher Gegenwartskultur. Wozu also dennoch ins Museum damit? Die Antwort ist einfach: Weil das närrische Treiben landauf landab, um den Reiz des Besonderen nicht zu verlieren, auf wenige Tage im Jahr beschränkt bleibt, erschließt sich den Aktiven wie dem Publikum immer nur ein begrenzter Ausschnitt davon. Um die ganze Vielfalt des fastnächtlichen Mummenschanzes im schwäbisch-alemannischen Raum „live" und „vor Ort" mitzuerleben, würde ein Menschenalter nicht ausreichen.

Wer sich trotzdem außerhalb der Fastnachtszeit als Maskenträger, Zunftmitglied, Zuschauer, Feriengast oder Tourist einen Gesamteindruck von dem verschaffen will, was die praktizierenden Narren als ihren „höchsten Feiertag" bezeichnen, der findet in den Fastnachtsmuseen, was er sucht: Hier sind die Maskengestalten, die „althistorischen Aristokraten" aus den Hochburgen ebenso wie die jüngeren, erst vor wenigen Jahrzehnten aus der Taufe gehobenen, nach Typen und Landschaften geordnet, versammelt und beschrieben. Hier werden die Brauchformen gezeigt und erklärt, die Traditionen und geschichtlichen Zusammenhänge erläutert und dokumentiert.

Erst ein Gang durch die Museen, die von den verschiedenen Narrenvereinigungen mit viel Idealismus und Sachkenntnis eingerichtet wurden, weitet den Blick vom Detail aufs Ganze und öffnet die Augen für das, was schwäbisch-alemannische Fastnacht in ihrer vollen Breite ausmacht.

Der aus der Ferne angereiste Besucher spürt etwas vom Wesen der Landschaft und ihrer Bewohner, und der Einheimische entdeckt, dass seine eigene Fastnacht – bei allem Lokalpatriotismus – nicht der Nabel der Welt ist, sondern dass es daneben noch viele andere schöne Fastnachten gibt. Gerade die Museen mit ihren überregionalen Vergleichsmöglichkeiten machen deutlich, wie wenig Fastnacht mit engstirnigem Provinzialismus zu tun hat und wie sehr sie grenzüberschreitend, ja gesamteuropäisch geprägt ist. Das närrische Brauchtum des deutschen Südwestens hat seine fröhliche Farbigkeit stets dadurch erhalten, dass es sich von außen befruchten ließ, dass es italienische, Tiroler, französische, selbst türkische Motive aufnahm und sich offen zeigte für das Fremde, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren.

Vor allem aber vermitteln die Narrenmuseen im Ländle dies: Schwäbisch-alemannische Fastnacht ist mehr als bloßes Ausflippen und schrille Komik, mehr auch als nur Jubel, Trubel, Heiterkeit. Sie ist ein Spiegel von Land und Leuten, ein Stück Identität der Bevölkerung und ein Schlüssel zu den Herzen der Menschen, die hier leben.

 

Von Werner Mezger