Fastnachtsglossar

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Begriff Definition
Anfangs- und Endbrauch / Schwellenfest

Es handelt sich dabei um Bräuche, die vor oder am Ende bestimmter Perioden im Jahreslauf auftreten. Läuft auch unter der Bezeichnung „Schwellenfest“. Beispiele: die Fastnacht vor Beginn der österlichen Fastenzeit oder der Aschermittwoch mit seinen Bräuchen am Beginn der Fastenzeit. Die heutige Zeit neigt leider dazu, die Zahl der Schwellenfeste so sehr auszudehnen, dass sich leicht der Eindruck eines Eisenbahnschienenstrangs aufdrängt. Ais am andrè. Immer lustig, immer froh, wie der Mops im Paletot. Läuft auch unter dem Stichwort „Spaßgesellschaft“.

Aschermittwoch / Schurtag

Der Aschermittwoch markiert den Beginn der Besinnungs- und Fastenzeit vor Ostern. Im Gebiet etwa zwischen Freiburg und Rastatt ist er auch als Schurtag bekannt. “Memento moriendum esse!“. Schuurig. Tag des Gedenkens an die Sterblichkeit des Menschen, und Aufforderung, sich und sein Tun nicht gar so wichtig zu nehmen. Über kurz oder lang hat sich’s nämlich ausgebläht. Wer’s nicht glaubt, hänge sich das Bild eines Soufflés, welches Kaltluft streifte, übers Bett. Oder sonst wohin. Zur Erbauung. Am Aschermittwoch werden eine ganze Reihe von Bräuchen abgehalten, die mit der Fastnacht in Bezug stehen. Beispiele sind das Geldbeutelwaschen in Bräunlingen oder Schwenningen sowie das Heringsessen in Triberg oder andernorts das Schneckenessen. Natürlich findet man da auch die Weiberfastnacht oder Weiberzeche. O du lieber Augustin, alles ist hin.

Aufsagen / Rügen / Strählen / Intrigiere

Narrenfreiheitsrecht des Zurechtweisens oder Rügens. Dabei spricht der unkenntlich verkleidete Narr eine Person an und gibt öffentlich dieser meist unangenehme Geschehnisse zum besten, die mancherorts und - seits das Jahr über Aufsehen erregten. Ausnahme: Anhänger des Bohème-Mottos: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.“ Symbol der verkehrten Narrenwelt, das den Umsturz der sozialen Ordnung bezeichnet: Niedrig kritisiert Hoch. Auch altes Mittel der Sozialkontrolle. Tritt regional unter verschiedenen Bezeichnungen auf. Narrengerichte, wie in Stockach, Möhringen, Tiengen und anderswo, sind Ausweitungen dieses Rügerechts. Ebenso das bayerische Haberfeldtreiben und die Katzenmusik (Charivari). Auch ein Sozialventil, das es einem Menschen ermöglicht, wenigstens einmal im Jahr mit unerträglichen Zeitgenossen ungestraft abzurechnen. Dient der psychischen Gesundheit. Und hilft manchmal auch der Selbsterkenntnis auf die Beine.

Auswerfen / Heischen / Fastnachtsspeisen

Narrenrecht des Forderns und Nehmens von Gaben. An der Fastnacht werden auf sanften Nachdruck hin Geschenke gegeben wie Bonbons, Brezeln, Würste, Fastnachtsküchle, Schenkele, speziell geformte Gebäcke (Gebildbrote). Es handelt sich um spezielle Fastnachtsspeisen, die sich, wie die gesamte Fastnacht als Fress- und Sauffest, aus dem Zwang herleiten, vor der Fastenzeit die dann verbotenen Nahrungsmittel zu verbrauchen. Außerdem konnten auf diese Weise Bedürftige einmal im Jahr an bessere Speisen kommen. Das früher übliche Fastnachtsküchleinholen fällt hierunter.

Bajass / Hanswurst / Harlekin

Das europäische Fastnachtsspiel in Mittelalter und Renaissance hat das Seine dazu beigetragen. Narrengestalt, die auch von der commedia dell’ arte, dem italienischen Volkstheater, geprägt wurde und vom englisch-holländischen Hanswurst. War besonders im 18. und 19. Jahrhundert beliebt. Trägt oft gekräuselten weißen Kragen und ein weißes Gewand. Lebt heute zum Beispiel im Endiger Jokeli oder im Villinger Narro, einem Weißnarren, weiter. Besonders interessant ist der Harlekin, der sich bis zu Tod und Teufel zurückverfolgen lässt.

Bauernfastnacht / Herrenfastnacht / Alte

Diese Bezeichnungen leiten sich vom Beginn der Fastenzeit ab, also davon, wann welche Bevölkerungsgruppe mit dem Fasten begann. Im Mittelalter fingen die Kleriker (Herrenfastnacht) eine Woche vor Aschermittwoch damit an, die Bauern fasteten nach altem Herkommen erst an Aschermittwoch, am darauffolgenden Freitag und dann voll ab Montag Invokabit. Sie waren also spät dran: Alte Fastnacht, Bauernfastnacht. Auch hat der Zeitunterschied zwischen Julianischem Kalender bei den Evangelischen und Gregorianischem bei den Katholiken verschiedene Fastnachtsbeginne hervorgebracht. Denn es gibt auch evangelische Fastnachten, nehmen wir einmal Basel oder das Markgräflerland. Und die können es verheben, sie sind später dran.

Blätzle / Fleckle / Spättle / Fotzli / F

Besonders am Bodensee, aber auch im Schwarzwald und in der Schweiz verbreitet. Am See trägt es eine Stoffmaske, im Schwarzwald eine solche aus Holz. Das Häs besteht aus kleinen vielfarbigen und - förmigen Stoffläppchen oder Wollfäden, die auf ein Leinengewand aufgenäht sind. Könnte sich aus einer Verkleidung mit Flechten und Ästen herausentwickelt haben. Könnte. Es werden aber auch Fischschuppen und Kettenhemden ins Spiel gebracht. Wer’s weiß, kriegt einen Taler!

Brauch

Der Brauch betrifft nicht nur die Fastnacht. Von einem Brauch spricht man, wenn eine abgegrenzte Handlung nach gewissen Regeln regelmäßig wiederholt und von einer bestimmten, darüber informierten Menschengruppe ausgeführt wird. Bräuche treten auf den verschiedensten Gebieten auf und sind stets in Gefahr, ihren Sinn zu verlieren aber trotzdem eisern weitergeführt zu werden, „wie’s halt der Brauch ischdt“. Manchmal wandeln sie sich auch, zum Entsetzen mancher, die ganz genau wissen, wie es geht und immer gegangen ist. Wemme numme wüsst, wo si s einigsch hèr hänn.

Bräuteln

Beim Bräuteln wurden die im vorigen Jahr neuverheirateten Ehemänner von den ledigen Burschen am Fastnachtsdienstag auf einer Stange bei Trommeln und Pfeifen um den Ortsbrunnen getragen und dabei mehr oder minder großzügig Esswaren ausgeworfen. Die selbe Ehre wurde auch den Hochzeitsjubilaren zuteil. Dem Bräuteln ging einige Tage vorher eine feierliche Einladung voraus. Der Brauch wird noch heute praeter propter gleich praktiziert, aber die Stange ist gepolstert! Da rümpft das 17. Jahrhundert die gepuderte Nase, nimmt eine Prise Schmalzler und spricht gravitätisch: „Weicheier!“ ... Wer jetzt? ... Bekannt dafür sind im Bereich der schwäbisch-alemannischen Fastnacht Haigerloch und Sigmaringen.

Bromiger Freitag / Rußiger Freitag

Freitag nach dem Schmutzigen Donnerstag. Der Tag wird aber in gut christlichen Orten nicht fastnächtlich begangen, da am Freitag Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, der Freitag also ein Trauertag ist. Deshalb auch wurde früher am Freitag gefastet. Juhuu!!? Erinnert sich noch jemand dran?

Brunnenspringen

Denjenigen Männern, die zuletzt geheiratet hatten, war früher erlaubt, mehrmals in den örtlichen Brunnen zu springen, aus welchem Grund auch immer. Wir wollen es nicht vertiefen. Dieser Brauch gehört aber wohl in den Bereich der Riten, die mit Wasserverehrung, Mannbarkeit und Reinigung verbunden sind. Munderkingen pflegt diesen Brauch noch heute und ist dafür in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht herausragendes Beispiel. Verwandt: das Gautschen bei den Buchdruckern (alem. gäutschè = pflatschen, plappern).

Butz

Verkleidet gehender Fastnachter, der leicht zum Batz werden kann. Auch: Butzèmummel. Letzterer kommt gern bei Bräuchen außerhalb der Fastnacht vor, wie viele andere Maskenträger, die es oft vorziehen, in Stroh gekleidet zu gehen.

Commedia dell’ arte

Italienisches Volkstheater, besonders aktiv ab dem 16. Jahrhundert in ganz Europa bis hin nach Russland. Sie ist damals auch in China und Japan nicht unbemerkt geblieben. Wer aber jetzt wen beeinflusst hat, lassen wir lieber offen und kehren schnell heim nach Italien. Gewöhnlicherweise wird der commedia erstes Auftreten mit dem Jahr 1545 und mit Goldoni verbunden, als zum ersten Mal ein Vertrag mit einem Schauspieler schriftlich festgehalten wurde. Jedoch ist das Volkstheater Italiens nachweislich weitaus älter, wie so vieles andere, was nördlich der Alpen erst und spät mühsam ans Licht gezerrt werden musste. Kultur halt, auf römisch-griechischen Trümmern – andersch als de Muètter Metz gsait! Gellen Sie. Übrigens, das antik Römisch-Griechische wird von manchen bei der Erwähnung des Abendlandes legererweise gern vergessen. Hebel, Johann Peter, hätte jetzt ein dickes „Merke!“ gesetzt, andere „Was lernen wir daraus, spricht Mao?“. Nu, nichts, wie immer. Aufgetaucht jedenfalls ist die commedia dell’arte anfangs in Norditalien und speziell in Venetien. Als ihren Vater sieht die italienische Gelehrtenwelt, von allfälligen Renegaten abgesehen, heute Angelo Beolco-Ruzzante aus Padua an. Aber schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts reiste der Mantuaner Schauspieler Tristano Marinelli nach Frankreich an den Hof des Vierten dortigen Heinrich. Spezialisiert in der commedia war Marinelli auf die Rolle des „Zanni“ (Ähnelt dem uralemannischen „Zänni“ unheimlich, wie auch die noch uralemannischere „Zainè“ dem itlienischen„zaino“ [Rucksack] wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht; soviel zum Uralemannischen; aber wir schweifen ab.). Zanni kam jedenfalls aus Paris verwandelt nachhause in die commedia zurück, als Arlequin (Harlekin) nämlich. Ping! Aber dieser kommt als Teufel schon im 22. Höllengesang bei Dante vor. Der hinwiederum hatte ihn bei den religiösen Theaterspielen des 14. Jahrhunderts, auch in Paris bei den Franken, als einen Zuschauer neckenden Teufel und als alte Mucke kennen gelernt. (Warum haben die Leute eigentlich vor der Migration von Gedanken und Menschen so tierisch viel angst? Man könnte sich in den letzten paar tausend Jahren doch endlich mal dran gewöhnt haben.) Unser Harlekin wird nämlich schon viel früher in den Klöstern (dort saßen die damals äußerst raren Exemplare, die das Federführen vermochten, und wie) um das Jahr 1000 anlässlich der Aufzeichnung alter mündlicher Volkssagen und Geschichtlein schriftlich erwähnt (Hellequin), im Zusammenhang mit Wodans (Wuèdi) Wildem Heer. Wuèdi, Wuèdi, hätt i s gwisst, wer unter uns de Hauptma ischddt: na, Arlequino, der kleine Teufel natürlich. Ja, do luègsch un stüümsch. Die Gestalt des Harlekin geht also mit einiger Wahrscheinlichkeit bis ins germanisch-keltisch Vorzeitige zurück. (H)Erlkönig, Frau Holle (germanische Totengöttin Hel) und die Hölle (dem affinen [kommt von „Aff“] Kenner gut bekannt) lassen schön grüßen. Und schon wären wir wieder beim alten Thema: Narr, Tod, Verdammnis. Wer hätt au dês denkt? Das lustige Ende des bösen, teuflischen Harlekin aber, sieht man am besten im Zusammenhang mit dem brüchigen Erfolg des Bemühens der Kirche mit dem „heidnischen Unsinn“ der Vorzeit aufzuräumen, so gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Denn frech, wie er halt nun mal ist, taucht Monsieur Harleqin genau da grinsend als französischer Asylant alias Arlequino in Italien auf. Plopp! Dunderschièß, schon wieder Migration! Actually, he is born under a wandring star; ruhelos und unbehaust, ein Scherenschleifer. Jedoch das Schwabenland ist nah und braucht aus sozialhygienischen Gründen dringend Unterhaltung beim Schaffen. La belle Italie court à l’aide und spielt den Zitronen liebenden Germanen heitere Stückchen vor. Nach einiger Zeit der Multikulti-Gewöhnung gefallen diese allseits und flugs betreibt man Werkspionage, ganz wie später bei Narrentreffen oder in England. Ohne letztere führe heute noch kein Zug in Deutschland. Wat is ene Dampfmaschin? Schau nach bei Trevithick. Ohne werkausspionierte commedia aber kein Narro. Übrigens: MM ist daran unschuldig. Vierhundert Jahre vor seiner Geburt hinderte ihn das Sosein daran, heimlich Zeichnungen von markanten Gefrießen anzufertigen, die dann die Welt erfreuen können hätten. Also Pagliagio-Bajass -Strohmann- Harlekin, schöne Genealogie. Wenn sich ein Weißnarr als von der commedia dell’ arte gestyle Gestalt fremd vorkommen sollte, so irrt sich er. Schwer.

Dämonenabwehr

Theorie, derzufolge in vorgeschichtlichen Zeiten die Völker mittels spezieller Riten schädigende Entitäten bannten. Unter anderem seien so nicht nur Wiedergänger, Hexen oder missgünstige Kobolde unschädlich gemacht, sondern auch der Winter verjagt und der Sommer gelockt worden. Besonders bei Romantikern beliebt. Diese Handlungen werden gern als Ursprung der Fastnacht behauptet. Lässt sich aber nicht bündig nachweisen, da nicht schriftlich festgehalten. Die Völkerwanderung kam dazwischen. Es könnte aber durchaus was dran sein. „Wuèdi, Wuèdi, hätt is gwisst ... “ Lassen wir’s offen.

Dreikönigstag

Offizieller Beginn der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. An diesem Tag finden oft Handlungen wie Häsabstauben, Fastnachtswecken etc. statt. Gelegenheit, endlich nicht mehr unterdrückt: „S goht drgégè!“ lispeln zu müssen.