Fastnachtsglossar

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Begriff Definition
Häs

Württembergisch-schwäbischer Ausdruck für’s Narrenkleid, ins Alemannische importiert. Etymologisch sehr unklar, lässt der Fantasie Spielraum, der weidlich genutzt wird. Mehrzahlbildung ebenfalls beliebig: entweder die Häs, die Häse oder die Häser. Sucht’s euch aus. Erinnert an die Namensfindung für den südwestlichen, rechtsrheinischen Nichtwürttemberger zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Vorschlag aus Preußen: „der Bade“. Abgelehnt. Durchgesetzt hat sich „Badenser“. Am Orte selber nicht geliebt. Geblieben ist der „Badener“. Mit Ausnahme der Vorderösterreicher und Reichsstädter, der Hotzen und Blitze, der Unter- und Oberländer, der Wälder und ... ach ja, der Franzosen mit deutschem Pass. On pleure de rire !

Hemdglunki

Nachlässig gekleidete Person auf der Gasse. Kommt im Nachthemd daher und macht Krach, damit es auch jeder sieht. Frecherweise morgens sehr früh, wenn anständige Leute noch schlafen wollen. Könnte in Konstanz am Bodensee erfunden worden sein, und dort unter dem Nachwuchs der ehemals gebildeten Stände. Läuft da auch noch heute. „Wer’s nicht glaubt, geh selbst und seh!“ Das Nachthemd könnte aber auch ein Totenhemd sein, und da der ungläubige Narr, der Tote, des ewigen Todes ist, wären wir wieder mitten im Flecken. Und der Hemdglunki vielleicht uralt.

Hexe, Fastnachtshexe

Etymologisch gesehen reitet die Hex auf dem Gartenhaag. Hagazussa, hagazussa, huuiii ... So wird’s von weiser Wissenschaft wohl wahrgenommen oder halt einfach behauptet. Es lebe hoch die Deduktionsrolle rückwärts oder die wilde Phantasierolle vorwärts. Ein menschenfressendes Wahnwesen eben. Findet besonders das Gehirn lecker. Die Grimm-Brüder haben dieses - ein wenig wenig baronesk aus französischem Märchenschatz schöpfend – eindrucksvoll niedergelegt. So überzeugend, dass ein Offenburger Designer in bewegter Zeit ahnungslos den Prototypen der Hexe lostrat. Doch anfangs wollt sie keiner haben. Ist doch ein liederlich und hässlich Mensch, mit linken Kräften im Bunde. Man weiß ja nie, dachte die Inquisition und half ihr vom Zaun auf den Scheiterhaufen. Pulvis, cynis et nihil. Also, ein Wesen, das nicht viel Sympathie für den lieben Gott erkennen lässt, wie der Narr, der ungläubige Gottleugner und alle andern, die nicht so sind, wie das fromme Schäfchen sich die heile Welt denkt. Von Gott sollten wir da lieber nicht reden. Und überhaupt: après nous le déluge! Heut ganz aktuell.

In gedanklichem Kurzschluss aber und von blanker Not gedrängt, endlich auch eine Fastnacht im Zinken auf die Beine zu stellen, kam da manchem Schlaule die Idee - man muss ja alt sein als Fastnacht -, dass die Hexenverbrennung im Flecken anno Sechzehnhundertleipzigeinundleipzig klarer Beweis dafür wäre, dass wir eine alte Fasnet häben. Denn auch wir zündelten gern an Scheiterhäufen zum höheren Wohle von ... ja, von wem eigentlich? Und stimmen tut es auch nicht. Denn, siehe oben, das irdisch Halbgare ist der Kern der Fastnacht, im Gegensatz zum himmlischen Perfekten. Fastnacht halt, bös, gottfern und einfältig. Wie im richtigen Leben und wie beim Tintenklecks vom Rohrschach-Test, wenn d’en kennsch. Nicht mehr ganz aktuell, zeigt aber schlagend, dass Links und Rechts zusammengehören. Irgendwie, damit man den anderen erkennen kann. Also, die Hexenverbrennung kam lang erst hinterher, wie d alt Fanacht. Wurde von unbedarft ehrenkäsigen Narren benutzt. Hat aber nichts mit Verspottung des Elends von Generationen Andersgläubiger zu tun. Jedoch viel damit, dass die Hex ein preisgünstiges, buntes, strapazierfähiges Kostüm ist, das auch junge, schmalgeldbeutelige LeistungsträgerInnen sich leisten können. Und die Sau rauslassen damit, um sich vom Leistungstragen e bitzeli zu entlasten. Interessant, dass meist Wesen männlichen Geschlechts so gerne hexen. Und Hexenrichter spielen, schaurige Worte vom Blatt verlesend, die außer der Political Correctness keiner zur Kenntnis nimmt. Gute Befriedigung allerseits! Schlag nach bei Sigmund. Und überhaupt, wer rollt schon gern als Villinger Narro im Gassenkot rum. Mit der Hex geht’s billiger. Gruselig schön ist es solcherart sein wahres Wesen hinter der Larve auszuleben. Gell. Scheint ein menschliches Bedürfnis dahinter zu stecken. Hexen breiten sich in der Fastnacht heutzutage aus wie manch ein Virus, auf Gurken lebend – oder auf Sprossen, aber nicht von der Leiter – oder im Äther oder ..... Sicher ist, der Virus kömmt wieder, in anderem Kostüm, ganz wie an der Fastnacht. Und dann rätseln wir wieder, auch wie an der Fastnacht: wer steckt hinter der Larve. Wer wohl, Freund Hein natürlich. Aber das hatten wir schon. Auch die Hexe rafft täglich neue Narren dahin. Furchtbar fruchtbar faselndes Fabelwesen verdrängt fix viel fastnächtlich vermeintlich Festes. Bald gibt es nur noch Hexen. Dann ist die Welt in Ordnung und endlich auch die Fastnacht so fade wie das ganze wohlversorgt-geregelt dahinplätschernde Leben der meisten heutigen kaukasischen Deszendenten rundumedumme. Panem et circenses! Narri Narro !

Nochmals zurück zu den trüb sprudelnden Quellen unserer lieben Vorzeit. Ohne die gäb’s uns gar nicht. Und ohne uns tät keiner phantasieren. Wilder Mann und wildes Weib, die ungläubigen Unkultivierten, im biologisch abbaubaren Gezweig-Häs, aber gibt es schon lang in der Fastnacht. Übrigens auch die Hexe. Man sehe sich in Tirol um, wenn man sich traut. Allerdings war die nicht so schön typisch wie die Offenburgerisch-Grimm’sche heute. Eher noch wildes Weib. Ha! Das waren Zeiten. Aber in der Baar machten die Kinder vor langer Zeit „das Hexle“, wobei sie sich ein altes Küchenvorhängle vors Gesicht hängten. Fertig.

Hexenbesen

Frühes Luftfahrtgerät verschrobener alter, mit Kräutern hantierender Weiblein in Exstase. Waren regional verschieden programmiert Richtung Blocksberg, Kandel oder Obernheim, wo Mephisto wartend mit sonorem Bass lachend nicht wusste, warum er eigentlich lachte.

Hofnarr / Standardnarr

Im Mittelalter herrschte eine strenge Kleiderordnung, nach der sich die einzelnen Gesellschaftsschichten (Stände) zu richten hatten. Wurde durchgesetzt! Von oben nach unten in der Gesellschaftspyramide wurde die - zur Kennzeichnung - vorgeschriebene Kleidung immer schmuckloser und unbequemer. Die Bauern durften Rupfen tragen, der juckte und hielt sie so in Bewegung. Die Leistungsträger der damaligen Epoche, zum höheren Wohle der vermögenden Stände. Déjà vu? Vielleicht ist es wieder einmal Zeit, den 73. Psalm zu lesen. So wurden auch die Narren gezwungen, ein charakteristisches Kleid zu tragen, das mit zahlreichen desavouierenden Attributen versehen war. Der Narr als ungläubiger, nicht nach Gottes Ebenbild geratener Abseitiger, der Gottleugner, konnte nur ein dummer Esel sein, daher die Eselsohren (Wülste) an der Kopfbedeckung (Gugel, Kapuze). Auf dem Kopf trägt er Schellen, Symbol der Vergeblichkeit, oder / und einen Hahnenkamm, Symbol der Geilheit. In der Hand führt er die Marotte, einen Narrenspiegel, in dem er sich immer nur selber anblickt, Symbol von Eitelkeit und Egoismus. Sein Gewand ist rot-gelb, überzwerch geteilt. Rot und Gelb sind die billige, wertlose Ausgabe von Purpur und Gold, den Königsfarben. Der Narr als Außenseiter neben der Gesellschaft stehend, ist nichts wert. Da Behinderte im Mittelalter als Narren galten, und da Behinderte mit einem Fuchsschwanz am Gewand kenntlich gemacht wurden, trägt der Narr auch heute noch diesen, nicht aber, weil er so schlau wäre. Auch die berühmte Schweinsblase oder Saubloder, ein Neckinstrument, ist Symbol für Vergeblichkeit und Eitelkeit (Vanitas): ein aufgeblähtes, inhaltsloses, pompöses Nichts, das voluminös daherkommt. Als Phänomen gut bekannt und dauerhaft. Der Menschen-Narr, Träger aller abscheulichen Sündensymbole zur Warnung der paar Braven in Sodom. Oder war’s Gomorrah?