Fastnachtsglossar

Suche nach Begriffen im Glossar (Reguläre Ausdrücke erlaubt)
Beginnt mit Enthält Genauer TrefferKlingt ähnlich wie ...
Alle A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Begriff Definition
Hexenbesen

Frühes Luftfahrtgerät verschrobener alter, mit Kräutern hantierender Weiblein in Exstase. Waren regional verschieden programmiert Richtung Blocksberg, Kandel oder Obernheim, wo Mephisto wartend mit sonorem Bass lachend nicht wusste, warum er eigentlich lachte.

Hofnarr / Standardnarr

Im Mittelalter herrschte eine strenge Kleiderordnung, nach der sich die einzelnen Gesellschaftsschichten (Stände) zu richten hatten. Wurde durchgesetzt! Von oben nach unten in der Gesellschaftspyramide wurde die - zur Kennzeichnung - vorgeschriebene Kleidung immer schmuckloser und unbequemer. Die Bauern durften Rupfen tragen, der juckte und hielt sie so in Bewegung. Die Leistungsträger der damaligen Epoche, zum höheren Wohle der vermögenden Stände. Déjà vu? Vielleicht ist es wieder einmal Zeit, den 73. Psalm zu lesen. So wurden auch die Narren gezwungen, ein charakteristisches Kleid zu tragen, das mit zahlreichen desavouierenden Attributen versehen war. Der Narr als ungläubiger, nicht nach Gottes Ebenbild geratener Abseitiger, der Gottleugner, konnte nur ein dummer Esel sein, daher die Eselsohren (Wülste) an der Kopfbedeckung (Gugel, Kapuze). Auf dem Kopf trägt er Schellen, Symbol der Vergeblichkeit, oder / und einen Hahnenkamm, Symbol der Geilheit. In der Hand führt er die Marotte, einen Narrenspiegel, in dem er sich immer nur selber anblickt, Symbol von Eitelkeit und Egoismus. Sein Gewand ist rot-gelb, überzwerch geteilt. Rot und Gelb sind die billige, wertlose Ausgabe von Purpur und Gold, den Königsfarben. Der Narr als Außenseiter neben der Gesellschaft stehend, ist nichts wert. Da Behinderte im Mittelalter als Narren galten, und da Behinderte mit einem Fuchsschwanz am Gewand kenntlich gemacht wurden, trägt der Narr auch heute noch diesen, nicht aber, weil er so schlau wäre. Auch die berühmte Schweinsblase oder Saubloder, ein Neckinstrument, ist Symbol für Vergeblichkeit und Eitelkeit (Vanitas): ein aufgeblähtes, inhaltsloses, pompöses Nichts, das voluminös daherkommt. Als Phänomen gut bekannt und dauerhaft. Der Menschen-Narr, Träger aller abscheulichen Sündensymbole zur Warnung der paar Braven in Sodom. Oder war’s Gomorrah?

Kappenabend

Früher, als die Fastnacht noch Bodenhaftung hatte und die Reichs-, Renten- oder D-Mark dem Menschen nicht so üppig aus der Tasche quoll, vom Euro war noch keine Rede, von Währungsreformen schon, als Holzmasken kein „must“ waren und alles noch eine Nummer kleiner ging, in jenen fernen Zeiten wovon der Archivar raunt, da gab es die segensreiche Einrichtung des Kappenabends: Die Leute im Stadtquartier trafen sich in der Beiz, in der sie sich immer und gerne trafen, wo sonst, dort im Nebenzimmer, und „machten Fasnacht“. Man tanzte zur vom Wirt organisierten Musik, diese war in der Regel schlecht, aber tanzen konnte eh keiner, trank sein Viertele oder Bier, kein Edelkracherl, höchstens Sprudel, aß eine Kleinigkeit, die nicht der nouvelle cuisine asiatisch-südamerikanischen Einflusses angehörte und war ganz einfach lustig. Echt. Für dieses Privileg hatte man als Eintrittsgeld 50 Reichs-, Renten- oder D-Pfennige zu begleichen und bekam dafür ein Papphütchen, das man sich artig aufsetzte. Auch man gehörte jetzt dazu. Nu, man kennt das ja. Diese einfache und spontane Wilde Fastnacht ist leider etwas außer Mode gekommen. Schade eigentlich, denn sie hat wirklich gelebt. Ganz einfach so.

Karbatsche / Geißel / Peitsche / Lärmins

Schlagwerkzeug aus der Puszta. Schreibt sich mit „b“! Als Geißel früher bei deutschen Fuhrleuten in Gebrauch. In Peitschenform besonders als Justizmittel beliebt. Krachmachinstrumente, Zeichen der disharmonischen bösen Narrenwelt. Einige Virtuosen am See bringen es damit zu Höchstleistungen. Ebenfalls ist solches den Rätschern möglich, nicht nur mit dem Kläpperle.

Kleidle

n manchen Gegenden Schwabens anderer Ausdruck für „Häs“ d. h. für das Narrengewand. Manche französisch infizierte alemannischen Schwaben im Südwesten sagen dazu auch „Kostüm“. Der Basler aber ergeht sich an Fâsnacht im „Goschdyym“ oder so.

Narrenattribute

Vom Narren getragene Accessoires, die alle eine im christlichen Sinn verstandene Sünde symbolisieren, so zum Beispiel Völlerei, Unzucht, Eitelkeit und Egoismus, Lieblosigkeit, Falschheit, Lautheit usw.. Sie drücken einfach irdische Disharmonie aus, Unvollkommenheit. Kommen vor als Narrenkolben, Narrenpritsche, Narrenszepter, Hahnenkamm, Narrenwurst, Marotte, Fuchsschwanz, Glocken, Rätschen, Schneckenhäuschen, Stroh, Saubloderè u.a. Auch den Mollikopf wollen wir nicht vergessen. Ein jeder ist eingeladen, dazu seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, wie dem Waldi am Morgen.

Narrenbaum

Ein etwas magerer Baum, der zu Beginn der Fastnacht oft fast endlos sich hinziehend langsam, von Zimmerleuten aufgestellt wird. Offensichtlich werden von den Werktätigen zwischendurch ausgedehnte Spaziergänge zum am weitesten entfernten Bier oder Viertele unternommen, damit es keiner sieht. Wird als Gegensatz zum Grünen Holz, dem Kreuz Christi, dem Lebensbaum, interpretiert als Dürres Holz, Totenbaum, wie es sich für ein Symbol der verkehrten, unharmonischen Welt, für die Fastnacht mit ihren gottleugnenden Narren, den Toten, gehört. Symbol der linken Gegenwelt, des Bösen. Passt gut in die Landschaft. Nachbarorte mit ihrem seltsamen Humor, streben danach, ihn, kaum mühsam aufgestellt, klammheimlich kichernd abzusägen. Von den Krankenkassen nicht gern gesehen, sorgt für chronischen Bluthochdruck. Die Rolle des Frühlingsboten aber übernimmt der weniger gerupft aussehende, wesentlich heiligere, freundliche und bänderumflatterte Maibaum. Juhei!

Narrenbuch

Buch, in dem Ereignisse des vergangenen Jahres eingeschrieben werden, die dem bzw. der Betreffenden oder Betroffenen maskiert unter die Nase gerieben werden. Oft reich bebildert. Fällt in den Bereich des Rügerechts der Narren.

Narrenbüttel

Ordnungskraft in der Fastnacht, besonders an Umzügen eingesetzt, am liebsten in leicht verfremdeter Polizeiuniform, was, glaubt man oft geäußerter Bekundung, eine ironische Distanz zur Staatsmacht ausdrücken soll. Wie sagt(e) der Elsässer?: „Un dü gläubsch s.“ Eigentlich, wie auch die Narrenräte, keine Narrenfigur, sondern Amtsträger des Vereins.

Narreneltern

Die ersten Narren, Adam und Eva, Stammeltern der Menschheit. Wollten mehr als betulich im Garten spazieren zu gehen, keine Freunde von Gartenschauen. Ließen sich von einer Schlange im Tourismusgeschäft mit unlauteren Mitteln, als Kostprobe unerhörter und exotischer Genüsse im Ausland, zum Verzehr fremdländischer Frucht verleiten, was aber leider mit der Buchung einer Fahrkarte einfach ins Unbekannte verbunden war. Bis heute. Oder, wer weiß was morgen ist? Narren halt. Und wir stammen davon ab. Darwin hat netterweise noch einen drauf gesetzt.

Narrenfigur

Des Menschen Fantasie ist unendlich! Gottseidank mit Einschränkung. Und unermüdlich schafft sie Narren. Volle, gotische und klassische. Auch barocke und hohle kommen vor. Wie jede Weltfirma fing auch das Narrengeschäft klein an: Adam und Eva mit dem Feigenblatt, dem Modell des ersten Kostüms und gemeinsamer Ursprung von Mode und Häs. Im Zuge der sich aufspaltenden Wirtschaftstätigkeit in Branchen, Arbeitsteilung und Konkurrenz, kam immer größeres Verlangen auf, den Lendenschurz zu überwinden und etwas Besonderes zu sein. So sprossen Narrenfiguren in unzähligen Variationen: Blätzle, Weißnarren, Groteskmasken, Glattlarven, Teufel, Pompele, Jokili, Letzköpfe und Kuonys, Kneller und Scheller ... Narren und kein End.

Narrenmesse

Kurz und bündiger Ausdruck für den offiziellen „Gottesdienst für Narren“. Hat mit der jährlich im Narrenschopf stattfindenden „Internationalen Fachmesse“ nichts zu tun.

Narrenpredigt

Wird von fastnächtlich herausgeputzten, meist katholischen Priestern an der Narrenmesse fröhlich, oft in Versform, zum besten gegeben. Bei Protestanten nicht beliebt.

Narrenräte

Prächtig gewandete Funktions- und Amtsträger von Fastnachtsvereinen. Ihr Mesmer’scher Magnetismus zieht Orden unwiderstehlich an. Engagieren sich für die Landeskultur, was aber nicht überall anerkannt wird. Leider.

Narrenrechte

Heischen, Rügen, Richten

Fastnacht als verkehrte Welt, der Narr als ungute Ausnahmegestalt, all dieses zeitigte bald besondere Möglichkeiten des Auftretens in der Gesellschaft, die allmählich zu Rechtspositionen geronnen sind. Jedenfalls insoweit, als es dem Rest der Welt schnurz ist, was der Narr sagt. Ein Fehler.

Nehmen wir zunächst das Heischerecht. Eigentlich ist das Betteln unfein, jedenfalls in jenen fernen Zeiten als es noch solch seltsame Wesen wie Bildungsbürger, Bourgeois und hanseatische Kaufleute gab war’s es, heute läuft das aber problemlos als „Sponsoring“. Der Narr darf’s halt. Also tut er’s. Und es hagelt nur so billige Bonbons, die Tonne à € 0,50, bekannt auch unter dem Pseudonym „Gutseli“, was eine wörtliche Übertragung des französischen Lutschstücks ins Alemannische ist oder ein Euphemismus. Auch quietschbunte, anilinfarbene Kamellen segeln aufs Haupt des heischenden Narren sowie durch die feuchte Februarluft veredelte Brezeln. Ein fröhlich Geben und Nehmen.

O Seligkeit am Straßenrand, alles ist umeinsunst! Der Narr krallt fix sich jeden Tand und meint, es wär `ne Gunst.

Nun jedoch kommen wir zum Rügerecht. Weniger fröhlich. Aber natürlich ein schlau institutionalisiertes Sozialventil zur Erleichterung gequälter Seelen. Schön, gellen Sie? Bietet es doch Gelegenheit, dem lieben Mitmenschen, den man das ganze Jahr über erdulden muss, einmal so richtig hinter der Maske die gefühlte Wahrheit ins Gefräß zu spucken. Und der kann nichts tun, gar nichts. Außer kurz und knackig zuzuschlagen. Aber das ist unfein, kommt das Rügen doch immer zartfühlend daher und geschliffen. Mit dem Florett eben, nicht mit der Keule, wir sind ja zivilisiert! Und die Aufklärung haben wir auch schon hinter uns. Das Rügerecht ist schuld daran, dass der schwäbisch-alemannische Narr vollverkleidet daher schreitet oder juckt oder springt. Theoretisch jedenfalls, auf dass man ihn nicht erkenne, auch nicht an seinen feinen, florettführenden Abtrittdeckelpratzen. Handschuhe und nix Maskenlupfen. Un guèt wär s, wenn de Alemannisch könntsch oder Schwöbisch. Denn es macht sich nicht gut, solltest du als Angehöriger einer völkischen Minderheit dein Rügerecht auf Kisuahelisch von dir geben, es verstieße gegen die Vollverkleidung, und das geht aber auch gar nicht nach dem Fastnachtsreglement. Aber!

Die Dinge wachsen sich gern aus, so auch das Rügerecht. Die liebe Gesellschaft sieht es nicht gern, wenn irgendwelche Eigenbrötler aus der Reihe tanzen, das macht unruhig. Und es ist gar nicht wie’s der Brauch ist! Jo wägerli. So erfand die Mehrheit zur Disziplinierung der Minderheit unter anderem so schöne Dinge wie Pflugziehen, Haberfeldtreiben, Femegerichte, Ruggerichte und, wie könnte es anders sein, Narrengerichte. Narren tun sowas. Im Schwäbischen und Alemannischen kennen wir mannigfaltige davon, bieten wir einmal eine Auswahl: Grosselfingen, Möhringen oder Stockach. Das Florett pfitzt durch die Gegend, feiner geht’s nicht. Und das Fernsehen flitzt über die Bühne, freischwebend und leicht fertig. Am Ende lacht der Narr ins Vierteleglas, das den Vorteil hat, oben offen zu sein und somit unendlich einsetzbar. Und da sagen manche, das Perpetuum Mobile sei eine Unmöglichkeit. Von wegen. Gottseidank, denn unzählige österreichische Hektoliter besten Weines wollen geschluckt sein, bevor sie abstehen. Heischerecht meets also Rügerecht, auf schlecht Englisch, sorry - „in“, der meistgesprochenen Sprache auf dem Globus. Hier flutscht die Globalisierung, dass es eine wahre Pracht ist.

Wir aber lehnen uns jetzt gern altbachè, wegen mir auch ôbachè, zurück. Von der Abhandlung des Heische- und mehr noch des Rügerechts erheitert schauen wir ins oben tatsächlich offene Vierteleglas. S isch öbbis dinn, aber nümmi lang. Jubel, Trubel, Heiterkeit allerseits und Narri Narro!